Dissertation  
   
   
 

»Vexierbilder, Rätsel, ungeklärte Fragen –

›Offenheit‹ und ›Ambiguität‹ im Spielfilm«


Eine Meta-Modellbildung zu Relevanz, Phänomenologie und Dramaturgie

des (Er-)Öffnens und (Ab-)Schließens der Filmnarration.

     
 


Definiert man dramaturgische ›Spannung‹ als »unsichere Erwartung«, wird rasch einsichtig, dass ›Offenheit‹ und ›Ambiguität‹ integrale Bestandteile jedweder Dramaturgie sind, dass sie aber – den vielfältigen dichotomen Modellbildungen (›offen‹ versus ›geschlossen‹) zum Trotz – in aller Regel dynamisch mit Phänomenen von ›Geschlossenheit‹ alternieren. In Filmen mit ›klassischer‹ dramaturgischer Struktur werden aufgeworfene ›Ambiguität‹ und ›Offenheit‹ in aller Regel zuletzt überwunden: verbliebene Rätsel werden gelöst, drängende Fragen beantwortet, lose Handlungsfäden werden vereint. Nur gelegentlich klären sich Ungewissheiten im ›klassischen‹ Genrekino nicht. Im Mystery- oder Horrorgenre etwa verbleiben metaphysische Vorkommnisse hin und wieder ungeklärt, bedeutungsoffen.

Etliche Filmtheoretiker verbuchen spätestens seit den 1990er Jahren einen Anstieg paradoxalen und ambigen Erzählens im Kino – das mitunter als ›postmodern‹ oder ›postklassisch‹ apostrophiert wurde. Der internationale Arthouse-Film wiederum nutzt ›Ambiguität‹ und ›Offenheit‹ schon seit geraumer Zeit, um als stabil erachtete Konzepte wie ›Identität‹, ›Zeit‹, ›Kausalität‹ oder gar ›Wahrheit‹ auf zum Teil unbequeme Weise zu hinterfragen.
Nicht allein dieses subversive Potenzial verlieh ›Offenheit‹ um ›Ambiguität‹ ein kaum zu überschätzendes Prestige innerhalb der Kunst. Eine Betrachtung der Diachronie der Kunstgeschichte, Kunstkritik und des Diskurses um Kunstwert lässt
erkennen, dass der Nimbus von ›Offenheit‹ und ›Ambiguität‹ sowohl in künstlerischer Programmatik als auch innerhalb der Kunsttheorie zunahm, wobei für letztere das Jahr 1960 einen ersten Gipfelpunkt bildet.

Der Glanz beider Phänomene scheint bis heute ungebrochen. So sprechen die Kunsttheoretikerinnen Verena Krieger und Rachel Mader von ›Ambiguität‹ als eines »ästhetischen Paradigmas«, einer »künstlerischen Norm«. Die Phänomene sind von Belang auch über die Kunstsphäre hinaus, gilt der Sozialforschung doch die »Ambiguitätstoleranz« als erklärtes Bildungsziel.


Meine Forschungsarbeit stellt sich dem Anspruch, Phänomene von ›Offenheit‹ und ›Ambiguität‹ in ihrer künstlerisch-ästhetischen Relevanz zu ermessen und ihre phänomenale Beschaffenheit und Erscheinungsformen innerhalb der Kunst im Allgemeinen sowie im Spielfilm im Besonderen zu eruieren, ihre Formen und Funktionen zu analysieren und ihre dramaturgische Implementierung zu untersuchen.

Hierbei ist der Anspruch, eine – bislang für das Medium ›Spielfilm‹ noch nicht unternommene – umfassende Zusammenschau zu leisten vermittels einer kritischen Relektüre und Evaluierung bereits vorliegender Makro- und Mikro- Struktur-Modelle aus Drehbuchtheorie (Vogler, McKee, Field, Parker, Seger u.a.), Filmdramaturgie (Stutterheim/Kaiser, Rabenalt, Schütte) und Filmtheorie (Bordwell, Wuss, Hickethier, Eder, Christen), Dramentheorie (Szondi, Klotz, Pfister,
Andreotti), Literaturtheorie (Bachtin, Iser, Ingarden, Derrida, Haarkötter) und (Film-)Narratologie (Kuhn, Schweinitz) – und das immer auch vor dem Hintergrund
der allgemeinen Kunsttheorie und Ästhetik (Šklovskij, Eco, Bürger, Koppe, Krieger/Mader).

Neben dem Erörtern der Relevanz der untersuchten Gegenstände ist es Ziel, zu einem idealtypisch-heuristischen »Meta-Modell« einerseits ›geschlossenen‹ und andererseits ›offenen/ambigen‹ Filmerzählens zu gelangen. Die binäre Meta- Modellbildung soll vielfältige – nicht allein formal-dramaturgische Ausprägungen der Gegenstände – zu beschreiben erlauben.

Die Dichotomie wird dann aber überwunden werden, um methodologisch nicht bei der Behauptung quasi ahistorischer Formtendenzen zu verweilen. Ansonsten bliebe die dynamische Qualität von (Kontext-)Kulturen und ihrer Publika unreflektiert, vor allem der Einfluss von Konventionalisierungs- und Stereotypisierungsprozessen bliebe ein blinder Fleck.

Die Meta-Modellbildung wird dann methodologisch zu erweitern sein, indem die klassische Auslegungsmethode des »hermeneutischen Zirkels« hinterfragt wird – ob diese sich überhaupt als tauglich erweisen könne, um genuin »unabgeschlossene« Werke zu erschließen. Die Disziplin der Hermeneutik zeigt eine Entwicklung von dem Ansinnen, die Autorintention rekonstruieren zu wollen (Schleiermacher), hin zu dem Betreiben »wilder Semiose« (Derrida). Entsprechend muss methodologisch geklärt werden, wie überhaupt mit festen Begrifflichkeiten und analog auch fixen narrativen Strukturen gesprochen werden kann.

Unter Zuhilfenahme und in Erweiterung von neueren Ansätzen der Hermeneutik und der Literaturwissenschaft (hier v.a. der Narratologie Gérard Genette’scher Provenienz) soll eine Alternative zum Auslegungsmodus des »hermeneutischen Zirkel« entwickelt werden, der den fragmentarischen Gegenständen angemessener ist.
Erträge der Forschungsarbeit werden also 1. die präzise Erörterung der Relevanz von ›Offenheit‹ und ›Ambiguität‹ innerhalb der Kunstsphäre im Allgemeinen und
innerhalb des erzählenden Films im Besonderen sein, weiterhin 2. ein umfassendes
Klassifikationssystem zur Deskription der Phänomene sowie 3. die Weiterentwicklung der hermeneutischen Methode und des analytischen Instrumentariums.